Stockfisch, Blätterteiggebäck und Fado-Musik – spätestens daran erkennt der Reisende, dass es ihn in die portugiesische Hauptstadt Lissabon verschlagen hat. Die sehnsüchtigen Klänge des Fado wehten einst mit den Schiffen der Mauren übers Meer bis nach Portugal und verzaubern auch heute noch Bar – oder Konzertbesucher. Doch das sind bei weitem nicht alle Spuren, die die Araber auf der iberischen Halbinsel hinterlassen haben. Schlendert man durch das Zentrum von Lissabon, die „Baixa“, so fallen neben dem regen Treiben und den verwinkelten Gassen vor allem die reich geschmückten Fliesenfassaden auf. Ob in Restaurants und Bahnhöfen, Kirchen und Kathedralen oder Privathäusern und zahlreichen Lissabonner U-Bahn-Stationen: Überall finden sich Mosaike aus zumeist quadratischen und bunt bemalten Keramikfliesen, die das Bild der Altstadt prägen. Die hübschen Kunstwerke heißen „Azulejo“ – der Name leitet sich vom arabischen „Al Zulaij“ ab, was soviel wie „kleiner, polierter Stein“ bedeutet.
Besonders die U-Bahn-Stationen haben es in sich: Anders als hierzulande, wo oft eintöniges Grau in Grau oder schriller 70er-Jahre-Schick das Bild des Untergrundes prägen, werden die Stationen in Lissabon zur Kunstmeile und die Wartenden – wenn auch zumeist unfreiwillig – zu Kunst-Konsumenten. Denn übersehen kann man die farbenfrohen Mosaike ganz sicher nicht: Die Abbildungen reichen von abstrakten, comicartigen Motiven wie am „Gare do Oriente“ über klassische, blau-weiß bemalte Kacheln in Delfter Manier (Campo Grande Station) bis hin zu gegenständlichen Darstellungen wie die der Station „Laranjeiras“ – hier wird alles rundherum von Apfelsinen beherrscht, sodass man an besonders heißen Tagen sicherlich schon mal nach einem Glas mit frisch gepresstem Orangensaft lechzen wird. Die U-Bahn-Stationen wurden (und werden) von vielen unterschiedlichen Künstlerpersönlichkeiten verschönert, aber niemand war so unermüdlich wie die Malerin Maria Keil, die in einem Zeitraum von über 25 Jahren die Wände von 19 Metrostationen gestaltet hat.
Wer sich über das bloße Anschauen hinaus auch für die Geschichte und die Herstellung der Fliesen interessiert, der sollte dem „Museo Nacional do Azulejo“ einen Besuch abstatten. Dort bekommt man einen Überblick über die unterschiedlichen Stilrichtungen der Kachelkunst seit dem 14. und 15. Jahrhundert und kann sich über die verschiedenen Techniken informieren. Nach so vielen Fliesen auf Schritt und Tritt hat man sich dann schließlich eine Belohnung verdient, denn nach allzu vielen neue Eindrücken lässt die Erschöpfung ja bekanntermaßen nicht lange auf sich warten. Und so kann man eine der zahlreichen Mini-Bars besuchen, in denen „Ginjinha“, der traditionelle portugiesische Kirschlikör, ausgeschenkt wird. Den Likör gibt es wahlweise mit oder ohne Kirschen: Hat man ein Schnapsglas „mit“ bestellt, so wird der Ginjinha schnell hinunter gekippt und die Kirschkerne werden – frisch, fromm, fröhlich und frei – einfach auf den (selbstverständlich gefliesten) Boden gespuckt. Denn schließlich sind Fliesen ja nicht nur Kunst, sondern ab und zu auch mal praktisch.
Fotos:
(oben) © tokamuwi / pixelio.de
(Mitte) Gare do Oriente / Laranjeiras
(unten) © Claudia Falk / pixelio.de